Die Tragödie sei

„eine Schule der Geduld und der Weisheit, eine Vorbereitung zu Trübsalen, eine Aufmunterung zur Tugend, eine Züchtigung der Laster“

und sie schicke die Zuschauer

„allezeit klüger, vorsichtiger und standhafter nach Hause“ (1).

Das Theater als moralische Institution

Die aufgeklärten Intellektuellen des frühen 18. Jahrhunderts strebten eine Theaterreform an. Das Theater sollte nicht länger der Belustigung – wie die Stegreifspiele und die Komische Figur – dienen, sondern als Sittenschule und als Instrument der Aufklärung fungieren.

Das belehrende Potential der Tragödie betonte Johann Christoph Gottsched 1729 in einer Rede (s. links). Die Aufführungen, die den Frühaufklärern vorschwebten, sollten Bürger und Fürsten gleichermaßen belehren, bessern und erziehen – den Bürger emanzipieren, den Fürsten zum aufgeklärten Vater seines Volkes erziehen.

Um diese neue Funktion zu erfüllen, war eine grundlegende Reform des Theaters notwendig. Johann Christoph Gottsched, Johannes Elias Schlegel und Gotthold Ephraim Lessing entwarfen hierfür ein Programm (2). Das Theater hatte dem Gebot des Wahrscheinlichen als des Vernünftigen und des Natürlichen zu entsprechen. In diesem Sinne sollte eine „nach den Regeln der Vernunft verfasste“ Dramatik eingeführt werden.(3) Um das Theaters als moralische Institution zu etablieren, müsse jedoch die Rezeptionshaltung der Zuschauer verändert werden. Um die Zuschauer flächendeckend und konstant zu belehren und den Spielplan unabhängig von Zuschauerzahlen zu gestalten, wäre die Errichtung fester, subventionierter Bühnen erforderlich.(2)

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